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Trauma, Trotz und Tatendrang – 5. Flutgedenken mit gemischten Gefühlen

Die Ahr bei Altenahr-Kreuzberg im Sommer 2021. Unvorstellbare Wassermassen schießen von den steilen Weinbergen ins enge Tal, stauen sich an den Brücken und Häusern, dringen in die Keller ein, versetzen die Menschen in Panik. Sie flüchten in die oberen Etagen und bis auf die Dächer. Der Strom fällt aus, das Handynetz bricht zusammen. Es wird Nacht.

2026 dokumentieren die Flutmarken an manchen Häusern das Ausmaß: Vier Zollstöcke müsste man übereinanderlegen, um die durchschnittliche Fluthöhe von ca. acht Metern zu erreichen. Mit etwas Glück war ein Überleben im 2. Obergeschoss möglich. 

Pfarrer Karl H. Köster hat die Menschen in Kreuzberg, in Ahrweiler und Rech besucht, ihre Geschichten der Flutnacht gehört. Er recherchiert für die im Sommer 2026 anstehende dritte Studienfahrt der ev. Männerarbeit ins Ahrtal. Es war und ist, so Köster, für die Menschen ein täglicher Kampf zwischen Trauma, Trotz und Tatendrang. 

Anpacken, irgendwas tun. Der Dreck musste raus, der ölige Schlamm vor allem, entrümpeln, stemmen und trocknen. Helfer kamen, in Garagen wurde gekocht und geschlafen, irgendwo funktionierte noch eine Toilette. Notstromaggregate wurden dringend gesucht. Die Post konnte an einem LKW der Bundeswehr abgeholt werden. 

Trotzig trotzen die Menschen den verheerenden Bildern, den allseits präsenten Geschichten von Rettung in letzter Sekunde und von nicht gelungenen Rettungsversuchen. Bis heute. Sie verdrängen das Offensichtliche, schützen damit die wunde Seele und machen was geht. Wundern sich nach fünf Jahren, woher sie fünf Jahre lang die Kraft dafür nehmen. 

„Überlebensmodus nennen sie es“, so Karl H. Köster, „die Menschen haben funktioniert, zusammengehalten, ungeahnte Kräfte freigesetzt“. „Normalität“ ist in einem solchen Katastrophengebiet ein schwieriges Wort, jeder versteht etwas Anderes darunter. Bis heute. Eine warme Mahlzeit auf dem Gaskocher ist nach einer Woche wunderbar, aber will man ewig am Gaskocher sitzenbleiben? 

Um Haus und Hof wieder schön zu machen hat es Jahre gedauert, die Gründe dafür sind so individuell wie die Geschichten der Menschen. Zwei kleine Kinder, Oma muss gepflegt werden, Einschränkungen durch Alter, Krankheit und finanzielle Möglichkeiten. Kein Chef stellt Mitarbeitende über Jahre frei für Renovierungsarbeiten. 

Trotzdem: Tatendrang, machen was geht. Das schöne Heim wieder herrichten, und das Trauma lebt immer mit. Bilder und Geräusche der Flutnacht zerbröseln den Schlaf, und niemand hat ein Patentrezept. Darüber reden oder lieber nicht? Man lebt ja da, wo die Katastrophe geschehen ist, sieht die freien Flächen am Ahrufer, die Häuser, die nicht mehr renoviert werden, sieht die Flutmarken in fast neun Meter Höhe. Trifft die Menschen, mit denen man überlebt hat.

Im Tal des Rotweines freuen sie sich heute über jeden Gast, jede Einnahme. Und über Feinfühligkeit im Umgang mit den Menschen, die nicht auf Knopfdruck gute Laune haben können. Ein Trauma ist eine tiefgreifende seelische Verletzung. Stress, Hilflosigkeit und Kontrollverlust. 

„Da stehen wir heute“, sagt Pfarrer Köster, „nach fast fünf Jahren Fluthilfe stehen wir genau da. Wir müssen verstehen lernen, dass die Menschen erst jetzt in die Bearbeitung dieser Verletzungen gehen können, jetzt Traumatherapien machen. Wenn sie denn einen Therapieplatz finden“.

„Katastrophen enden nicht, wenn man nicht mehr hinschaut“, so Karl H. Köster abschließend. Darum bleibt die evangelische Männerarbeit dran, begleitet die Menschen im Ahrtal weiter auf ihrem Weg. 

Anmeldungen und Infos zur Studienfahrt vom 15. - 17. Juli 2026 gibt es ab sofort bei Pfarrer Karl-Heinz Köster, Synodalbeauftragter für Männerarbeit im Kirchenkreis Münster: Karl-Heinz.Koester@ekvw.de

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