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Spannender Abend zum Thema „Neue Formen von Abschied, Gedenken und Trauer im digitalen Zeitalter“

Was bleibt von uns, wenn wir sterben? Welche Möglichkeiten, Chancen, aber auch Risiken und Herausforderungen bietet KI in diesem Zusammenhang? Diesen Fragen ging ein Vortrag zum Thema „Wenn die Toten sprechen – neue Formen von Abschied, Gedenken und Trauer im digitalen Zeitalter“ Mitte März im Ibbenbürener Gemeindehaus blick.punkt nach.

Die Veranstaltung war eine von mehreren, die als Begleitprogramm zur Ausstellung „Was bleibt“ in der Christuskirche (bis 29. März) von einem Team aus dem evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg (Erwachsenenbildung), der Stiftung für denkmalwerte Kirchen im Kirchenkreis sowie der Stiftung Evangelische Kirche in Ibbenbüren organisiert worden waren.

Auf die Referentin des Abends, Pfarrerin Dr. Christine Schoen, sei sie durch einen Zeitungsbeitrag aufmerksam geworden, erzählt Organisatorin Adelheid Zühlsdorf-Maeder. Glücklicherweise scheute der Gast die lange Zugfahrt – Schoen lebt in der Nähe von Tübingen – nicht, und so tauchten die knapp 30 Besucher schnell in die Welt der modernen Technik im Zusammenhang mit Trauer, Gedenken und Erinnerung ein. Schließlich sei die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten wichtig, findet Pfarrerin Adelheid Zühlsdorf-Maeder, denn: „Wir leben im digitalen Zeitalter, und KI ist ein Thema.“

Dr. Christine Schoen wurde selbst auf das Thema aufmerksam, als sie im vergangenen Jahr im Rahmen eines Trauergesprächs mit dem Wunsch nach einer dauerhaften Präsenz des Verstorbenen und der Idee, einen Avatar von diesem zu erstellen, konfrontiert wurde. Daraufhin habe sie sich mit der dahinterstehenden Technik auseinandergesetzt, berichtet die promovierte Kirchenhistorikerin, die als Assistentin des Dekans in der evangelischen Landeskirche Württemberg arbeitet. Sie habe viele Aufgabengebiete und mit den verschiedensten Altersgruppen zu tun, so Schoen, und KI komme in ganz vielen Bereichen eine immer größer werdende Bedeutung zu.

Das mache auch vor dem Bereich des Trauerns, Gedenkens und Erinnerns nicht halt, erklärt die Referentin und verweist auf die Möglichkeit, mit Hilfe von Avataren und Chatbots eine technische Simulation bzw. digitale Nachbildung einer realen Person auf der Grundlage der verfügbaren digitalen Daten zu erstellen. Zwar habe der Wunsch nach dem Gespräch mit und der anhaltenden Präsenz des Toten schon immer bestanden, doch eröffneten KI und Chatbots eine neue Dimension und Qualität: „Die Toten antworten erstmals.“ Das sei zwar nur eine Illusion, jedoch könne, so Schoen, „der soziale Tod über Jahre hinausgezögert werden.“ Auf diese Weise werde der Trauerprozess aber letztlich nur verschoben („Auseinanderdriften von biologischem und sozialem Tod“), denn obgleich durch die Anbieter derartiger digitaler Dienste suggeriert werde, dass Trauer nicht in unser Leben passe, sei es nun einmal so: „Das Trauern gehört zu unserem Leben dazu.“

Trotz aller Kritik und Herausforderungen sieht Dr. Christine Schoen aber auch Chancen in den neuen, digitalen Möglichkeiten: Durch die Fortsetzung von Beziehungen könne ein Übergangsraum geschaffen werden; KI sorge auch – da rund um die Uhr verfügbar – für eine zeitunabhängige Begleitung und gebe einen Impuls für eine gesellschaftliche Debatte. Wie schon in der Vergangenheit (beispielsweise durch die Einführung von Einäscherung und Urnenbestattung in unserer Kultur) zeichnet sich hier ein Wandel ab, der neue Formen von Trauer- und Erinnerungskulturen sowie Ritualen schafft. Das kann Risiken bergen, wenn zum Beispiel die KI die Bedürfnisse des Fragestellers nicht versteht (rationales vs. emotionales Verständnis), aber für manche Menschen auch hilfreich sein. Daher, so die Pfarrerin, sei die „Herausforderung nicht die KI, sondern die Form ihrer Nutzung.“

Auch gilt es, ethische und rechtliche Fragen zu beantworten. Wer entscheidet, wie lange das Angebot online bleibt? Oder die Frage nach der Wahrheit, denn es ist ja nicht der Verstorbene selbst, der Antwort gibt, sondern eine KI. Klar sein müsse jedenfalls: „Es kann helfen, aber es muss eben ein Hilfsmittel bleiben.“

Zwei wichtige Tipps hatte Dr. Christine Schoen zum Abschluss noch. Erstens: Wer nicht wolle, dass nach seinem Ableben ein Avatar oder Chatbot von ihm gefertigt wird, der sollte das – am besten im Rahmen einer Verfügung – schriftlich festhalten. Zweitens: Über den Tod und das Trauern reden, und zwar in allen Altersgruppen, um der gesellschaftlichen Verdrängung von Tod und Sterben endlich wieder entgegenzuwirken.

Bericht: Claudia Ludewig. 

 

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