Die Gemeinde Schale habe zwar nur 850 Gemeindeglieder, doch biblisch gesehen sei sie groß. Sicher wäre es interessant zu hören, was die Kirchenmauern schon erlebt hätten.
Auch Bürgermeister Ludger Kleine-Harmeyer (Hopsten) nahm an dem Abend teil. Pfarrer Kay-Uwe Kopton, Vorstandsmitglied der Stiftung, konnte den Besuchern detailreich kunstgeschichtliche Aspekte der Schaler Kirche, einem ehemaligen Zisterzienserinnenkloster, in ihrer Schönheit nahebringen. „Die Kirche in Schale ist eine der ganz großen Kirchen“, betonte er. Sie erzähle von der Übergangszeit der Spätromanik zur Frühgotik. „Die Baumeister müssen Spaß an der Kunst am Bau gehabt haben“, resümierte er. Gemeinsam stimmte die Gemeinde, begleitet von Ulrike Lausberg an der Orgel, das Lied „Such wer da will ein ander´ Ziel“ an. „Kirchen zu erhalten ist eine wichtige Aufgabe unserer Stiftung“, berichtete Vorstandsvorsitzende Pfarrerin Elke Böhne. In ihrer Gemeinde in Recke habe sie Kirchenführungen für Kinder initiiert, die das Bewusstsein für die Schönheit der Kirchen stärken sollten. „Menschen haben eine Sensibilität dafür“, betonte sie. Das Erbe der denkmalwerten Kirchen lebendig zu halten, sei ein Auftrag an uns alle. Drei Zustifter hatten anschließend Gelegenheit, sich in das Stifterbuch einzutragen. „Ich freue mich, dass heute so viele gekommen sind“, begrüßte Superintendent André Ost die Gäste nach dem Ortswechsel ins benachbarte Paul-Gerhardt-Haus. „Das liegt sicher am Referenten des Stiftungsabends, dem bekannten Historiker Dr. Christof Spannhoff“, bemerkte er. Spannhoff referierte im vollbesetzten Gemeindesaal zum Thema „Die Bedeutung der Kirchengemeinde Schale für die Reformation im Tecklenburger Land“.
„Wer die Geschichte der Reformation erzählen will, beginnt gewöhnlich in Wittenberg. Dort soll Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche geschlagen haben“, so Dr. Christof Spannhoff. Doch, ob dies tatsächlich so geschah, sei unter Historikern umstritten. Am Beispiel Schale lasse sich erstaunlich gut beobachten, was „Reformation“ im 16. Jahrhundert konkret bedeutete. Man sei gewohnt, historische Ereignisse mit Jahreszahlen zu verbinden. Dieses Denken funktioniere beim Thema Reformation jedoch nur begrenzt, betonte er. „Obwohl Graf Konrad zu Tecklenburg am 24. August 1543 eine eigene Kirchenordnung in Kraft setzte, fiel die Reformation nicht plötzlich vom Himmel. Sie war längst im Tecklenburger Land eingedrungen“, berichtete Spannhoff. „Genau deshalb sprechen Historiker von einem Prozess.“
Schale sei geradezu ein Musterbeispiel für Maßnahmen, die man mit der sogenannten „Landesherrlichen Reformation“ in Verbindung bringt. Der neue Glaube wurde wesentlich von oben durch den Landesherrn vorangetrieben. Der Graf reformierte die Kirche und die reformierte Kirche stärkte den Grafen. Das Recht, einen Pfarrer einzusetzen, das sogenannte Patronatsrecht, lag zuvor häufig bei Klöstern, Stiften oder anderen geistlichen Institutionen. Graf Konrad habe begonnen, in solche Rechte einzugreifen. „Schale liefet einen wichtigen Baustein für unser Verständnis der frühen Reformation im Tecklenburger Raum. Es zeigt: Die Reformation begann vor der Kirchenordnung“, berichtete der Referent. Zuvor sei ein Austesten zu beobachten gewesen. Reformation, so Spannhoff, sei ein Glaubenskonflikt, ein Rechtskonflikt und ein Herrschaftskonflikt gewesen.
Um die Reformation auch in Lingen voranzutreiben, schickte Graf Konrad den Schaler Pastor Jacob Ledigen als „Reformator“ nach Lingen. Schale war damit auch eine Station in einem größeren reformatorischen Netzwerk. „Prediger waren auch Multiplikatoren,“ betonte der Referent. Die Veränderungen der Reformation hätten tief in den Alltag der Menschen eingegriffen. „Die Reformation und die anschließende Konfessionsbildung waren ein Prozess über Generationen“, berichtete der Historiker.
Um seiner Überzeugung Kraft zu verleihen, habe Graf Konrad zu drastischen Mitteln gegriffen: Er beschlagnahmte Kirchenglocken und verwendete das Metall zum Guss von Geschützen. Deutlicher könne man die Verquickung von Religion, Politik und Gewalt kaum darstellen, so Spannhoff. Die Auflösung des Klosters in Schale sei religiöse Reform und politische Machterweiterung gewesen. Glaubensfragen bestimmten politische Bündnisse, politische Konflikte wurden religiös aufgeladen. Erst der Augsburger Religionsfrieden von 1555 habe eine dauerhafte reichsrechtliche Grundlage für das lutherische Bekenntnis geschaffen. „Für Tecklenburg bedeutete das, dass eine Reformation, die Jahrzehnte zuvor mit einzelnen Eingriffen begonnen hatte, nun in einer veränderten politischen Welt angekommen war.“
Unter Graf Arnold von Bentheim-Tecklenburg kam es später zu einem weiteren Konfessionswechsel, als dieser sich dem reformierten, vom Denken Calvins geprägten Protestantismus zuwandte. Ende 1587 wurde zunächst die Kirche in Tecklenburg umgestaltet: Bilder und andere als problematisch angesehene Ausstattungsstücke wurden entfernt. Graf Arnold wollte sich mit den reformierten Niederlanden verbinden. Der Übergang zum reformierten Bekenntnis konnte das evangelische Profil des Landes stärken, grenzte es deutlich gegen den Katholizismus ab, was auch außenpolitisch nützlich war. „Hier zeigt sich dasselbe Grundmuster, das wir Jahrzehnte zuvor in Schale beobachten konnten: Glaubensüberzeugung und Herrschaftspolitik lassen sich nicht sauber voneinander trennen. Wer über Religion entschied, entschied auch über Macht“, bemerkte Spannhoff
Reformation sei nicht nur Theologie gewesen. Es sei um Geld, Besitz, Ämter und Herrschaft gegangen, ist sich der Historiker sicher. In Schale habe sich vor fast fünf Jahrhunderten die religiöse und politische Ordnung grundlegend verändert: „Die Mauern erinnern an das Kloster, die Gemeinde an die Reformation und die Geschichte beider erzählt im Kleinen die Geschichte der Reformation im Tecklenburger Land“, machte Christof Spanhoff deutlich.
„Das war ein unterhaltsamer Abend“, zog eine Besucherin ein positives Resümee des Vortrags. Bei Fingerfood, das der Frauenkreis der Schaler Gemeinde liebevoll vorbereitet hatte, klang der interessante und anregende Stiftungsabend aus.
Bericht: Christine Fernkorn