Am Freitag, 2. Oktober, um 18 Uhr wird er im Rahmen eines Gottesdienstes von Superintendent André Ost verabschiedet. Björn Thiel war 14,5 Jahre als Pfarrer in der Ev. Kirchengemeinde Tecklenburg tätig. Öffentlichkeitsreferentin Christine Fernkorn führte ein Interview mit ihm.
Für viele Gemeindeglieder kam die Information, dass Du in einen anderen Aufgabenbereich wechselst, wahrscheinlich überraschend. Wie kam es zu der Entscheidung, nach der Gemeindeseelsorge in die Gefängnisseelsorge zu wechseln?
Nach fast 15 Jahren in der Gemeindearbeit habe ich gemerkt, dass für mich noch einmal ein guter Zeitpunkt gekommen ist, etwas Neues zu wagen. Die Seelsorge war dabei eigentlich immer ein wichtiger Schwerpunkt meiner Arbeit – in der Gemeinde ebenso wie in meinen Fort- und Weiterbildungen. Als sich die Möglichkeit ergeben hat, in die Gefängnisseelsorge zu wechseln, hat mich diese Aufgabe deshalb sehr angesprochen.
Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen zu begleiten, ihnen zuzuhören und mit ihnen gemeinsam auszuhalten, was sich manchmal nicht einfach lösen lässt – das gehört für mich zum Kern von Seelsorge. Im Gefängnis geschieht das natürlich unter ganz besonderen Bedingungen. Auf diese neue Form seelsorglicher Arbeit bin ich sehr gespannt.
In der Kirchengemeinde Tecklenburg hast Du in den vergangenen Jahren verschiedene neue Gottesdienst-Formate entwickelt. Beispielsweise das Feierabendmahl am Gründonnerstag, den Gottesdienst auf der Freilichtbühne am Heiligen Abend, den Gottesdienst zum Valentinstag, den Krabbelgottesdienst im Schafstall und im Feuerwehrhaus. Ein weiteres neues Format war „Soundtrack meines Lebens“ mit der MdB Anja Karliczek. Was war Deine Intention dabei?
Mir war immer wichtig, dass Kirche und Gottesdienste etwas mit dem Leben der Menschen zu tun haben. Deshalb habe ich gerne ausprobiert, wie Gottesdienst auch an anderen Orten, zu besonderen Anlässen oder in einer etwas anderen Form gefeiert werden kann. Manchmal ging es auch darum, unter veränderten Bedingungen ganz neue Wege zu finden. Ein Beispiel dafür war die „Kinderbibelwoche in der Tüte“, die in der Corona-Zeit entstanden ist und Kindern und Familien die Möglichkeit geben sollte, die Kinderbibelwoche zu Hause zu erleben. Dabei ging es mir nie um das Neue um des Neuen willen. Entscheidend war vielmehr die Frage: Wie können wir Menschen mit dem erreichen, was sie gerade beschäftigt und brauchen?
Und solche Ideen entstehen und gelingen natürlich nie allein. Ich habe es in den vergangenen Jahren als großes Geschenk erlebt, dass es immer wieder Menschen gab, die sich darauf eingelassen, eigene Ideen eingebracht und mit viel Engagement mitgestaltet haben. Mitglieder des Presbyteriums, viele Ehrenamtliche, Musikerinnen und Musiker und weitere Mitwirkende haben dazu beigetragen, dass aus einer Idee am Ende etwas Gemeinsames werden konnte. Und natürlich gehören auch diejenigen dazu, die gekommen sind, mitgefeiert und sich auf manchmal ungewohnte Formen eingelassen haben. Dafür bin ich sehr dankbar.
„Soundtrack meines Lebens“ war dafür ein schönes Beispiel. Musik ist eng mit Erinnerungen und Lebensgeschichten verbunden. Über die Musik mit einem Menschen über sein Leben, über prägende Erfahrungen, Hoffnungen und auch über seinen Glauben ins Gespräch zu kommen, eröffnet noch einmal einen anderen Zugang. Eigentlich war „Soundtrack meines Lebens“ als Reihe gedacht. Auch wenn es letztlich bei dieser einen Ausgabe geblieben ist, erinnere ich mich sehr gerne daran. Solche Begegnungen und diese etwas anderen Zugänge zu Kirche und Gottesdienst fand ich immer besonders spannend.
Was waren darüber hinaus schöne Begebenheiten in der Gemeindearbeit in Tecklenburg?
Nach fast 15 Jahren gibt es da unglaublich viele. Es sind natürlich die großen und besonderen Gottesdienste und Feste, an die ich mich gerne erinnere. Aber noch wichtiger sind mir die vielen Begegnungen mit Menschen: bei Taufen, Trauungen und Konfirmationen, aber auch bei Beerdigungen und in der Begleitung von Menschen in Zeiten von Abschied und Trauer. Dazu kommen die Besuche zu Hause oder im Altenheim und manchmal gerade die ungeplanten Gespräche zwischendurch, die in Erinnerung geblieben sind.
Besonders dankbar bin ich dafür, dass ich viele Menschen und Familien über einen langen Zeitraum begleiten durfte – manchmal durch ganz unterschiedliche Lebensphasen hindurch. Kinder, die ich getauft habe, habe ich Jahre später im Konfirmandenunterricht wiedergesehen. Andere Menschen durfte ich bis ins hohe Alter begleiten. Aus einzelnen Begegnungen sind Beziehungen gewachsen. Das ist etwas sehr Schönes an der Gemeindearbeit und wird mir sicherlich in Erinnerung bleiben.
Welche Erwartungen hast Du an die neue Stelle?
Zunächst einmal möchte ich die neue Arbeitswelt kennenlernen. Eine Justizvollzugsanstalt ist für mich ein ganz neuer Kontext mit eigenen Regeln, Strukturen und Herausforderungen. Deshalb gehe ich mit viel Neugier, aber auch mit Respekt an die Aufgabe heran.
Ich hoffe, dass ich dort mit der Zeit meinen Platz finde und gute Beziehungen zu den ganz unterschiedlichen Menschen aufbauen kann, denen ich begegne – zu den Inhaftierten, zu ihren Angehörigen und Familien ebenso wie zu den Mitarbeitenden in der JVA. Gerade diese unterschiedlichen Begegnungen gehören für mich zur Gefängnisseelsorge dazu. Und natürlich bin ich gespannt darauf, wie Seelsorge und Kirche unter den besonderen Bedingungen einer JVA konkret Gestalt gewinnen.
Auf was freust Du Dich?
Ich freue mich tatsächlich auf vieles, was ich im Moment noch gar nicht genau kenne. Auf neue Menschen, neue Erfahrungen und darauf, noch einmal lernen zu dürfen. Nach fast 15 Jahren hier vor Ort ist es ganz schön aufregend, noch einmal neu anzufangen.
Gleichzeitig bedeutet der berufliche Wechsel für mich nicht, dass damit alle Verbindungen hier abbrechen. Wir wünschen uns als Familie, weiterhin hier vor Ort oder in der Region wohnen bleiben zu können. Nach fast 15 Jahren sind mir viele Menschen und vieles hier ans Herz gewachsen. Deshalb freue ich mich auch darauf, dass sich unsere Wege sicherlich immer wieder einmal kreuzen werden und es auch in Zukunft Begegnungen geben wird.