Dieser Roman war es auch, den sich das Ensemble „Heyl & Segen“ für eine szenische Lesung ausgesucht hat. „Zeitenwende“ war die Veranstaltung überschrieben, zu der die evangelische Kirchengemeinde Westerkappeln und die evangelische Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Tecklenburg am 11. Oktober ins Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Westerkappeln eingeladen hatte und die nun ebendiese Lesung präsentierte.
Vor zwei Jahren habe er den Roman gelesen und sofort Parallelen zur heutigen Zeit, zu heutigen Flüchtlingsbewegungen erkannt, erzählt Pfarrer Hartmut Heyl, der Kopf des Ensembles. „In dieser verrückten, wirren Zeit muss man das einfach lesen“, findet er und betont: „Remarque war immer – und bleibt es auch – ein militanter Pazifist“, dessen bekanntestes Werk – „Im Westen nichts Neues“ in den osteuropäischen Ländern sogar Schullektüre sei.
Ein wechselvolles Leben, das lieferte Remarque, der auch als Journalist arbeitete, den Hintergrund für seine Romane. Nach einem Notexamen wurde Remarque 1916 als 18-jähriger als Reserve-Rekrut eingezogen und im Sommer 1917 bei einem mehrwöchigen Fronteinsatz schwer verletzt. Seine ablehnende Haltung gegenüber dem Krieg fasste er in seinem 1928 erschienenen Werk „Im Westen nichts Neues“ zusammen, das ihm nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zunächst ab 1933 das Verbot seiner Bücher und 1938 sogar die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft einbrachte. Seit 1931 lebte Remarque allerdings bereits in seinem Haus in der Schweiz; 1939 emigrierte er in die USA, wo er schriftstellerisch – im Gegensatz zu vielen ebenfalls ausgewanderten Schriftstellerkollegen – Fuß fassen konnte.
Trotz seiner vergleichsweise positiven Erfahrungen beschäftigte ihn die Thematik von Flucht und Heimat(-losigkeit) bis zu seinem Tod im Jahr 1970: zunächst in dem 1944 in mehreren amerikanischen Zeitungen erschienenen Essay „Refugees are modern pilgrims“ („Flüchtlinge sind moderne Pilger“), später im unvollendet gebliebenen Roman „Das gelobte Land“, 1968 begonnen, aber nicht mehr fertiggestellt.
Dessen Geschichte beginnt – wie für ankommende Flüchtlinge in New York und den gleichnamigen Staat damals üblich – im Einreiselager auf Ellis Island. Hier entscheidet sich, ob die nach zumeist schrecklichen Erlebnissen aus ganz Europa Geflohenen – vielfach Juden, aber auch etliche politisch Verfolgte, ins „gelobte Land“ (die USA) einreisen dürfen oder nicht. Ihr einziges „Verbrechen“: Am Leben zu sein und am Leben bleiben zu wollen.
Mit großer sprachlicher Präzision und einer genauen Beobachtungsgabe gelingt es Remarque trotz der zeitlichen Distanz zu den 1944/45 spielenden Ereignissen, die mit Verzweiflung durchsetzte Hoffnung der Flüchtlinge in Worte zu fassen: Die ihnen von manchen Menschen entgegengebrachte Gleichgültigkeit und Unmenschlichkeit, die Sorgen wegen fehlender oder gefälschter Ausweispapiere, die Schwierigkeiten mit der neuen Sprache, die Traumatisierungen vor und während der Flucht, die Entwurzelung und das Heimweh. „Ich muss mein Examen noch einmal machen“, heißt es im Roman, und genau so geht es auch heute wieder vielen Flüchtlingen, deren berufliche Abschlüsse nicht anerkannt werden und denen auch die anderen Sorgen und Nöte der damaligen Emigranten nicht unbekannt sein dürften.
Berührend und erschreckend aktuell erscheinen viele der für die Lesung ausgewählten Textstellen, darunter auch folgende: „Gibts das? Dass es uns weniger angeht, nur weil die räumliche Distanz größer ist?“ Eindringlich und mit passenden Liedern („Caravan of Love“, „New York, New York“…) durchsetzt, präsentierten Sonja Schwarz, Ulrike Pepmöller und Hartmut Heyl einen knapp anderthalbstündigen Auszug aus Remarques letztem Roman. Das Interesse war an diesem Nachmittag leider überschaubar. Trotzdem wollen „Heyl & Segen“ im nächsten Jahr mit einem weiteren Remarque-Roman – „Die Nacht von Lissabon“ – auf Tour gehen; vielleicht auch mit einem erneuten Gastspiel in Westerkappeln.
Claudia Ludewig