Dr. Karl Wilms begrüßte im Namen des Organisationsteams die Gäste im gut besetzten Gemeindehaus. Wie aktuell sein neues Buch mit dem Titel „Mit Gott gegen die Demokratie – Warum der christliche Nationalismus alle angeht“ ist, erlebt Arnd Henze aktuell: „Seit zwei Wochen ist es veröffentlicht“, berichtete er. Mittlerweile sei bereits die zweite Auflage im Druck. „Das Thema hat eine Brisanz und Dringlichkeit. Durch den Irankrieg kommt immer noch mehr dazu, als man verkraften kann.“
In seinem Buch zeichnet der Journalist die eigentlich verfassungsrechtlich verankerte Trennung von Kirche und Staat nach. „Trump trennt bewusst nicht zwischen Religion und Macht“, betont Henze. Als der Republikaner Ron DeSantis als Präsidentschaftskandidat gegen Donald Trump angetreten sei, habe sich das Volk für Trump entschieden. Und das, obwohl DeSantis konservativer Katholik sei, so Henze weiter. Der Hintergrund: „Trump versprach: Ich bin eure Rache. Das Volk wolle Wut ablassen und findet es reizvoll, einen Rächer zu haben.“ Trump wurde zum zweiten Mal als Präsident gewählt, weil er Verachtung für den Rechtsstaat zeige und Machtkontrolle ausübe.
„Alles, was seit Januar 2025 geschehen ist, war abzusehen“, ist sich Arnd Henze sicher. Was Trump auf der politischen Bühne vorführe, hätten Technokraten des evangelikalen Nationalismus ausformuliert. So seien die Zerschlagung der Bildungsstruktur und des Gesundheitssystems vorbereitet gewesen und würden sich jetzt entfalten. Der Kongress habe sich selbst abgeschafft, ist sich der Journalist sicher. „Da rollt eine Dampfwalze, die nicht mehr zu stoppen ist.“ „Wir erleben eine Aufgabe von allem, was sich Pluralität nennt“, meint Henze. Der sogenannte US-Kriegsminister Pete Hegseth nenne sich „Christian Warrior“ (christlicher Krieger). Er sei Evangelikaler und sagt, er wolle eine tödliche Armee. Frauen hätten aus seiner Sicht nichts zu sagen. Als er im Dezember 2025 den Angriff auf den Staat Venezuela befehligte, habe der evangelikale Pastor Franklin Graham in seiner Weihnachtspredigt die christliche Friedensbotschaft in eine Hass- und Kriegsbotschaft umgewandelt. „Die amerikanischen Soldaten im Irankrieg kämpfen, weil ihnen versprochen wird, dass der Messias wiederkommt“, berichtet Arnd Henze. Der Kriegsminister verspreche ihnen ewiges Leben. „Religiöse Ideologen haben die Macht in den USA übernommen“, so Henze. Da kämen historische Erinnerungen an die Nazizeit auf. Sein Appell an die Zuhörenden: „Wir haben Verantwortung für unsere Geschichte. Unsere Erinnerungskultur ist eine Errungenschaft.“
Bei den umstrittenen brutalen Einsätzen der US-Einwanderungsbehörde ICE sei kein Bemühen erkennbar, die Grausamkeit zu verstecken, berichtet der Referent. Es werde in der amerikanischen Gesellschaft offen davon gesprochen, dass die ICE mit der Gestapo (Geheime Staatspolizei in der Nazizeit) gleichzusetzen sei. „Wirtschaftlich hat sich die Situation für die US-Bürger nicht verbessert. Ganze Bevölkerungsgruppen werden entmenschlicht und entrechtet.“ Doch in den USA gebe es mutige Richter, Medien, den Föderalismus und die Widerstandskraft von Kirchen. Hätte es in den 30er-Jahren in Deutschland diese Resilienzkräfte gegeben, wäre es bei uns anders gelaufen, betonte Arnd Henze. In der Predigt zur Amtseinführung von Donald Trump rief Mariann Edgar Budde, die Bischöfin der Anglikanischen Kirche in Washington, zu Erbarmen mit Migranten und queeren Menschen auf. „Diese Worte haben viele ermutigt“, sagt Henze.
Ein Beispiel für eine starke Solidarität habe es in der Stadt Charlotte in North Carolina gegeben. Dort versammelten sich 500 Menschen aus der Zivilgesellschaft in der Kirche, um sich gegen die Angriffe der US-Einwanderungsbehörde ICE gegen Migrantinnen und Migranten zur Wehr zu setzen. Auch Einkäufe und die Kinderbetreuung seien zur Unterstützung organisiert worden. „Diesen Prozess nennt man Neighbourism“, berichtete Arnd Henze. Nachbarschaft habe Ressourcen. Es habe ein Übergang von der Schockstarre hin zum Zusammenhalt eingesetzt. „Das macht Hoffnung“, betonte er. Seine Prognose: „Schon bei den Zwischenwahlen im November dieses Jahres wird es Erdrutschergebnisse zugunsten der Demokraten geben.“ Es sei ein Stimmungsumschwung zu beobachten. Die Gesellschaft habe den Abgrund gesehen.
In der anschließenden engagierten Diskussion kamen auch die Wut und Überforderung der Bürger in Deutschland zur Sprache. Henze meint dazu: „Es ist ein hohes Wutpotential da. Wir sollten den Menschen Gelegenheit geben, über ihre Wut zu sprechen und sie wahrnehmen. Darin müssen wir als Kirche besser werden. Wir müssen den Ideologen ganz klar die rote Linie zeigen.“ Die Gesellschaft brauche eine Form öffentlicher Seelsorge. Und auf den drohenden Rechtsrutsch bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland angesprochen sagt der EKD-Synodale: „Auch in Ostdeutschland gibt es mutige Richter und Medien. Wir sollten uns mehr darauf einstellen, Solidarität zu üben. Widerstehen muss gelernt werden.“
Bericht: Christine Fernkorn