Der mangelnde Nachwuchs im Pfarramt kommt erschwerend hinzu. In der Konsequenz bedeutet das für die Gemeinden im Kirchenkreis, dass die Arbeit künftig übergemeindlich und regional aufgefangen werden muss und nicht mehr ein Pfarrer/eine Pfarrerin „exklusiv“ für eine einzelne Gemeinde tätig sein kann. Der Kirchenkreis muss sich darauf einstellen und entwickelt sich jetzt verstärkt in Regionen. Die 17 Kirchengemeinden im Kirchenkreis Tecklenburg sind vier nachbarschaftlichen Kooperationsräumen (West, Mitte-Nordwest, Mitte-Nordost und Süd) zugeordnet. Zu den Strukturfragen im Kirchenkreis führte Öffentlichkeitsreferentin Christine Fernkorn ein Interview mit André Ost.
Man hat den Eindruck, dass es jetzt immer mehr Abgänge im Pfarrdienst gibt. Woran liegt das?
In diesem Jahr ist es in der Tat besonders heftig. In der zweiten Jahreshälfte verabschiede ich insgesamt 7 Pfarrkolleginnen und -kollegen aus unserem Kirchenkreis. Bis Februar werden es dann weitere drei sein. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum großen Teil ist es der Abschied in den Ruhestand, in anderen Fällen ist aber auch der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung ausschlaggebend. Letzteres hat es immer schon gegeben. Eine gewisse personelle Fluktuation tut einem Kirchenkreis ja auch gut. Was jetzt neu ist, ist der große Verlust an Personal aus der Boomer-Generation, der kaum ersetzbar ist, weil es unserer Kirche insgesamt an theologischem Nachwuchs mangelt. Die Boomer gehen jetzt sukzessive in den Ruhestand. Für unseren Kirchenkreis haben wir ausgerechnet, dass von den aktuell noch tätigen Pfarrerinnen und Pfarrern bis 2032 nur noch 7 übrigbleiben. Das ist ein gewaltiger Aderlass, auf den wir uns jetzt einstellen müssen.
Wie reagiert der Kirchenkreis darauf?
Es ist klar, dass wir mit den gewohnten Arbeitsweisen nicht mehr weiterkommen. Wenn wir wollen, dass diejenigen, die im nächsten Jahrzehnt noch da sind, mit Freude in unserem Kirchenkreis arbeiten, müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die nicht überfordernd sind. Das geht nicht mit Einzelkämpfertum, sondern nur durch verstärkte Zusammenarbeit auf einer regionalen Ebene, in der man sich gut ergänzt und die Aufgaben klug verteilt. Wir haben schon vor einigen Jahren Personalplanungsräume gebildet. Der Kirchenkreis wurde dafür in vier Regionen aufgeteilt, denen sich die 17 Kirchengemeinden zugeordnet haben. Mittlerweise wird in den Regionen schon viel kooperiert, gemeinsam gedacht und geplant. Gute Beispiele dafür sind die Sommerferien- und Regionalgottesdienste. Oder die Errichtung von Interprofessionellen Teams durch die Anstellung von Mitarbeitenden aus anderen kirchlichen Berufsgruppen. Sie sorgen für die Gemeinden einer Region auf der Hauptamtlichen-Ebene nicht nur für Entlastung, sondern setzen mit ihrer Arbeit auch neue Akzente.
Die Region Mitte-Nordost trifft es mit den Abgängen im Pfarrdienst im Moment besonders hart. Wie wird es dort weitergehen?
Das hat uns in dieser engen zeitlichen Abfolge natürlich überrascht und war so nicht geplant. Ende August haben wir Angelika Oberbeckmann in Westerkappeln verabschiedet. Sie wechselt mit ihrem Mann Jörg in die Nähe von Freiburg in die Badische Landeskirche. Jörg Oberbeckmann verlässt seine Pfarrstelle in Wersen-Büren im Februar und gibt damit auch sein Amt als Synodalassessor im Kirchenkreis auf. Björn Thiel wechselt zum 1. November aus seiner Pfarrstelle in Tecklenburg in die Gefängnisseelsorge nach Bielefeld. Und dann geht zum 1. Februar auch noch Olaf Maeder in Westerkappeln in den Ruhestand. Von den 5,5 Pfarrstellen, die es bislang in dieser Region gab, werden dann mit Jutta Kiquio (Wersen) und Iven Benck (Lotte) nur noch zwei besetzt sein. Natürlich fragen sich die Gemeindeglieder in Tecklenburg, Westerkappeln und Wersen-Büren jetzt, wie es denn in ihren Gemeinden weitergehen soll. Ich kann darauf nur antworten: Es wird anders werden als wir es bisher gewohnt waren. In der Region Mitte-Nordost beginnt die Zukunft des Pfarrdienstes jetzt! Und diese Zukunft wird regional sein. Was sich hier in Mitte-Nordost gerade abspielt, ist nur der Vorbote einer Entwicklung, die bald schon den ganzen Kirchenkreis erfassen wird. Wo sich personelle Lücken auftun, werden sie nicht mehr gemeindescharf zu ersetzen sein. Das geht nur noch im Team auf regionaler Ebene.
Wie viele Pfarrstellen sind denn künftig für jede Region vorgesehen?
In unserer westfälischen Landeskirche gilt seit Anfang 2026 ein Schlüssel von 1:4.000. Das bedeutet, auf 4.000 Gemeindeglieder kommt eine volle Pfarrstelle. Übersetzt für die 5 Gemeinden in der Region Mitte-Nordost heißt das beispielsweise, dass bei rund 13.000 Gemeindegliedern nur noch drei Pfarrstellen zur Verfügung stehen können. Die Region wird somit noch eine weitere Pfarrstelle nachbesetzen können. Aber eben nicht mehr exklusiv für Tecklenburg oder Westerkappeln oder Wersen-Büren oder Lotte oder Wersen. Ab jetzt müssen wir regional denken und planen. Und stärker übergemeindlich zusammenarbeiten. Die fünf Kirchengemeinden haben sich darauf schon gut vorbereitet. Der Kooperationsrat der Region hat eine pfarramtliche Verbindung auf den Weg gebracht. Die verfügbaren Pfarrstellen sind künftig allen fünf Gemeinden zugeordnet. Das ist ein Modell, das für den Kirchenkreis sicher beispielgebend ist.
Wie wird die pastorale Arbeit auf regionaler Ebene künftig aussehen? Kann es noch Seelsorge vor Ort geben?
Die örtlichen Bezüge müssen und werden bleiben. Den Gemeinden ist es sehr wichtig, dass sie vor Ort erkennbar bleiben. Als Kirche wollen wir uns ja auch gar nicht aus der Fläche zurückziehen. Was sich ändern wird, ist die Rolle des Pfarrdienstes. Pfarrpersonen werden ihre Mittelpunktstellung für das Gemeindeleben verlieren. Das geht auch gar nicht anders. Die Fülle an Aufgaben, die das Amt bisher geprägt hat, wird nicht mehr zu leisten sein. Es braucht in Zukunft vermehrt die Unterstützung durch das Ehrenamt und das Zusammenwirken im Team. Dazu gehören neben den ehrenamtlichen Kräften vor Ort auch die anderen kirchlichen Berufsgruppen. Auf dem Aufbau von Interprofessionellen Teams muss in unserem Kirchenkreis jetzt ein besonderes Augenmerk liegen. Der Pfarrdienst kann nicht mehr für alles zuständig sein. Damit er sich auf seinen Kernauftrag aus Verkündigung und Seelsorge stärker konzentrieren kann, benötigt er die fachliche Unterstützung aus Pädagogik und Verwaltung. Natürlich brauchen die Gemeindeglieder vor Ort auch in Zukunft eine klare Ansprechbarkeit. Seelsorgliche Zuständigkeiten müssen geregelt sein. Aber es werden eben künftig nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer sein können, die eine Gemeinde leiten und repräsentieren. Dass eine Gemeinde nur dann lebendig ist, wenn sich eine Pfarrperson exklusiv um sie kümmert, war schon immer fragwürdig. Gemeinde existiert, wo ein guter Geist im Sinne des Evangeliums herrscht und sich möglichst viele um den kirchlichen Auftrag kümmern.