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„Die Ausbildung zum Multiplikator/zur Multiplikatorin hat uns sprach- und handlungsfähig gemacht“ – Interview mit Michelle Witte und Mirco Frerichs

Die kirchlich-diakonische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist in hohem Maße Beziehungsarbeit und hat von ihrem Selbstverständnis her den Anspruch, den Kindern und Jugendlichen einen geschützten Raum zur Entfaltung zu bieten. In besonderem Gegensatz zu diesem Anliegen steht es, wenn Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene sexualisierte Gewalt erfahren.

Sexualisierte Gewalt kann überall vorkommen – auch in kirchlichen und diakonischen Diensten und Einrichtungen. Die Initiative „hinschauen – helfen – handeln“, entwickelt von der EKD und dem Bundesverband der Diakonie, bietet Interessierten unter anderem die Ausbildung zur Multiplikatorin / zum Multiplikator im Themenbereich sexualisierte Gewalt an. Die Teilnehmenden werden darin für das Thema sexualisierte Gewalt sensibilisiert und dazu befähigt, das Thema in Form von Präventionsschulungen in den Kirchenkreisen zu verbreiten. Kürzlich absolvierten Michelle Witte und Mirco Frerichs diese Ausbildung. Sie sind die ersten Multiplikator*innen in der Jugendarbeit des Kirchenkreises Tecklenburg und unterstützen zusätzlich Ingrid Klammann, Multiplikatorin in den Kirchenkreisen Münster und Tecklenburg, bei den Präventionsschulungen in den Gemeinden. Beide sind langjährige Mitarbeitende in der Jugendarbeit. Öffentlichkeitsreferentin Christine Fernkorn sprach mit Michelle Witte und Mirco Frerichs. 

Was war für Sie ausschlaggebend für die Teilnahme an der Fortbildung? 

Mirco Frerichs: „Viola Langenberger, die Präventionsfachkraft für den Bereich Schutz vor Sexualisierter Gewalt in den Kirchenkreisen Münster und Tecklenburg, hat uns im Rahmen der Zukunftswerkstatt in unserem Kirchenkreis angesprochen. In der Multiplikator*innen-Qualifizierung spielte das Thema Geschlechter-Identität eine große Rolle. Für mich ist dieses Thema als Referendar und zukünftiger Lehrer ebenfalls wichtig und relevant. Jetzt habe ich das Gefühl, mich auszukennen und im persönlichen und beruflichen Kontext sprachfähig zu sein. Michelle und ich sind beide in der evangelischen Jugendarbeit groß geworden und haben dort gute Erfahrungen gemacht. Jetzt sind wir nicht mehr an der Basis dabei, aber können so weiterhin dafür sorgen, dass das System noch besser als vorher weitergehen kann. Jugendarbeit sollte ein sicherer Ort für alle Menschen sein. Die Jugendmitarbeitenden brauchen diesen Mehrwert“.

Michelle Witte: „Mich hat das Interesse an der Verpackung der Themen gereizt. In der Ev. Kirche arbeiten viele Ehrenamtliche. Mich hat interessiert, was man methodisch „raushauen“ kann, Jugendliche sollten nicht erschlagen werden von den Zahlen, Daten und Fakten“.

Beide: „Wir wollen den Bereich „Prävention vor Sexualisierter Gewalt“ sichtbar machen“.  

Was hat Ihnen in der Ausbildung besonders gut gefallen? 

Michelle Witte: „Ich fand es mit am schönsten, zu sehen, wieviel Leute sich für das Thema interessieren und es groß machen wollen. Die Teilnehmenden kamen aus ganz Westfalen. Das Thema wurde greifbar. Es gab gute Beispiele zur Sensibilisierung. Wir arbeiteten beispielsweise mit Filmen und verschiedenen Methoden und haben viel in Kleingruppen erarbeitet. Eine Aufgabe war zum Beispiel, eine Gruppe von 15- /16-Jährigen thematisch ins Thema „Schutz vor Sexualisierter Gewalt“ einzuführen“. 

Mirco Frerichs:“ Mir hat die hohe fachliche Kompetenz der Ausbilder*innen Christian Weber (Referent für allgemeine Präventionsarbeit) und Manuela Kleingünther (Präventionsfachkraft der Kirchenkreise Gütersloh und Bielefeld) gut gefallen. Es gab keine Frage, die sie nicht beantworten konnten. Ich habe mich gut mitgenommen gefühlt“.   

Welche Inhalte sind Ihnen wichtig geworden?

Mirco Frerichs: „Ich glaube, für mich geht es darum: Prävention setzt nicht erst beim ersten Verdachtsfall ein. Das Thema sollte schon vorher im System eingebunden sein, damit Prävention funktionieren kann. Aus meiner Sicht ist es ein Qualitätsmerkmal einer Institution, wenn der Arbeitgeber/die Arbeitgeberin sagt:“ Uns ist es wichtig, dass auf Prävention geachtet wird“. Das sollte im Unterbewusstsein der Beteiligten verankert sein. So kann die Zukunft besser gemacht werden. Darüber hinaus wurde ich durch die Ausbildung darin sensibilisiert, in welchen Zusammenhängen Macht eine Rolle spielt. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, über wen sie bzw. wer über sie Macht hat, da es häufig unausgesprochen bleibt. Dabei sollte klar sein, dass mit einer Machtposition auch eine Verantwortung einhergeht. Dies ist auch das, was ich in Zukunft den Jugendmitarbeitenden mit auf den Weg geben möchte: „Ihr könnt mit Kindern und Jugendlichen bestmöglich auf Augenhöhe arbeiten, aber es sollte euch immer bewusst sein, dass ihr eine Machtposition innehabt, mit der ihr verantwortungsvoll umgehen müsst“.

Michelle Witte: „Mir ist noch mehr klar geworden, dass Kirche früh hinschauen möchte und sehr klar die ersten Ansätze von sexuellen Grenzverletzungen ernstnimmt. Das Motto „hinschauen – helfen – handeln“ ist treffend. Du sollst handeln und handlungsfähig werden“. 

Was meinen Sie, in welchen Bereichen hilft Ihnen diese Fortbildung im Alltag? 

Michelle Witte:“ Du kannst es benennen: Die Sprachfähigkeit. Ich hinterfrage jetzt Situationen im Alltag viel mehr. Auch wenn etwas für mich in Ordnung ist, was wäre, wenn eine andere Person das nicht so empfindet? Könnte ich die Person darin unterstützen, mit ihr nach alternativen Lösungen suchen? Das Motto sollte sein: Nachdenken und nicht verbieten, Dinge hinterfragen, wie können alle gut damit leben? Mir ist es ein Anliegen, Andere dazu zu empowern, dass sie selbst sagen, wie mit ihnen umgegangen werden sollte“. 

Mirco Frerichs: „Für mich ist es wichtig, sprachfähig im Alltag zu sein und eine klare Haltung beziehen zu können, wenn sexualisierte Gewalt passiert oder einfach als Lappalie abgetan wird. Es geht darum, dies als Grenzverletzung der Person gegenüber wahrzunehmen, für die Betroffenen da zu sein und eine klare Haltung im Alltag zu zeigen. Durch die Qualifizierung fühle ich mich darin gestärkt“. 

 

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