Noch immer befindet sich der Grundbesitz hauptsächlich in den Händen der weißen Bevölkerungsminderheit. Die schwarze Bevölkerungsmehrheit wohnt in den Städten teilweise in ärmlichen Behausungen. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 37 Prozent.
Von diesen Gegensätzen, aber auch von dem lebendigen christlichen Glauben, der das Land Namibia prägt, konnte sich jetzt auch wieder ein Besuchsteam aus dem Kirchenkreis Tecklenburg ein Bild machen, das vom 7.-18. August eine Delegationsreise in den Partnerkirchenkreis Otjiwarongo unternahm.
Die Dreiecks-Partnerschaft zwischen den evangelischen Kirchenkreisen Otjiwarongo, Tecklenburg und Wesel besteht seit 1982. Durch wechselseitigen regelmäßigen Austausch und durch gemeinsame Projekte erhält sie immer wieder neue Nahrung.
In diesem Jahr machten sich Superintendent André Ost und die Partnerschaftsbeauftragte Melanie Wehmeier aus Tecklenburg sowie Pfarrer Albrecht Holthuis und Dr. Jürgen Luchtenberg aus dem Weseler Partnerschaftskomitee gemeinsam auf den Weg, um alle 10 Gemeinden im Kirchenkreis Otjiwarongo zu besuchen. Dabei legten sie an 12 Reisetagen insgesamt 2.700 km mit dem Auto zurück. Das macht die enorme Erstreckung des Kirchenkreises deutlich. Die Gemeinden liegen teilweise 200-300 km voneinander entfernt.
Der Kirchenkreis Otjiwarongo ist einer von 6 Kirchenkreisen in der Ev.-Luth. Kirche von Namibia (ELCRN), der zweitgrößten christlichen Kirche im Land. Sie hat insgesamt 420.000 Mitglieder. Der Kirchenkreis liegt überwiegend in der Kunene-Region im Nordwesten des Landes. Um die Gemeinden zu erreichen, fährt man über schnurgerade, bis zum Horizont reichende asphaltierte Straßen, manchmal aber auch über staubige Schotterwege.
Die Gemeinden des Kirchenkreises haben unterschiedliche Voraussetzungen. Manche haben das Glück, sich aus den Beiträgen ihrer Mitglieder eine eigene Pfarrperson leisten zu können. Andere müssen improvisieren und organisieren das Gemeindeleben durch das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitglieder selbst. Einige Kirchen sind in gutem Zustand, andere sanierungsbedürftig und baufällig. Überall aber ist der Wille zu spüren, auch unter schwierigsten Bedingungen das Gemeindeleben aufrechtzuerhalten.
In allen Orten wurden die Besucher aus Deutschland herzlich aufgenommen. In den Gemeinden wird viel und begeisternd gesungen. Meist haben sie mehrere Chöre. In der Gemeinde in Outjo gibt es davon gleich 17, in Otjiwarongo sogar 22. Abwechselnd treten sie sonntags in den Gottesdiensten auf. Die dauern in der Regel mindestens drei Stunden, weil die Musik- und Wortbeiträge darin einen so großen Raum einnehmen.
Die erste Station der Reise war Omaruru, ein geschichtsträchtiger Ort, der durch die Rheinische Mission geprägt wurde, im Jahr 1904 aber auch Schauplatz eines Herero-Aufstandes gegen die koloniale deutsche „Schutztruppe“ war. Das sehenswerte Museum im Ort informiert darüber.
Kalkfeld ist die wohl ärmste Gemeinde im Kirchenkreis. Dort imponiert, wie die Gemeinde durch den Betrieb einer Suppenküche diakonische Hilfe leistet.
In Khorixas wurde ein lebendiger Sonntagsgottesdienst gefeiert, an dem die Gäste aus Deutschland durch Lesungen beteiligt waren. Superintendent André Ost hielt die Predigt. Sie wurde für die Gemeinde durch Pastor Henrico Swartbooi in Afrikaans und die Klicklaut-Sprache Khoekhoegowab übersetzt.
In Fransfontein wurde das Gartenprojekt besucht, das seit drei Jahren durch den Kirchenkreis Tecklenburg unterstützt wird. Durch die Gemüseernte und die Aufzucht von Hühnern sollen hier regelmäßig Einnahmen erzielt werden. Melanie Wehmeier und André Ost pflanzten im Garten einen Zitronenbaum.
In Sesfontein beteiligt sich die örtliche Verwaltungsgemeinschaft der Conservancy an der Finanzierung der Pfarrstelle, so dass die Gemeinde endlich wieder einen eigenen Pastor hat. In Opuwo, im Norden nur rund 150 km von der Grenze zu Angola entfernt, ist der Pfarrer vor einem Jahr verstorben. Die Kirchenältesten halten dort jetzt die Gottesdienste und übernehmen auch die Beerdigungen. In Kamanjab gibt es eines von drei Hostels im Kirchenkreis. Die Unterbringung in solchen Schulinternaten ermöglicht den Kindern aus der Umgebung den Schulbesuch. Auch die Hostels werden durch die kirchliche Partnerschaftsarbeit immer wieder unterstützt.
In Outjo beeindruckt die neue Pastorin Regina Munjanu mit ihrer positiven Ausstrahlung. Sie nutzt für ihre Gemeindearbeit aktiv die Möglichkeiten von Social Media. Auch in der namibischen Partnerkirche gibt es jetzt mehr weibliche Pastoren. Das tut dem Kirchenkreis sichtbar gut.
In Okakarara ist die Kirche baufällig und deshalb nicht mehr nutzbar. Das Gemeindeleben läuft trotzdem weiter. Die Gottesdienste finden jetzt auf dem Gelände des alten Pfarrhauses statt. Auch hier sorgen die Kirchenältesten für ein regelmäßiges Angebot. Die für die Gemeinde zuständige Pastorin Ndilimeke Imbili kann nur alle drei Monate vorbeikommen, weil ihr Hauptwirkungsort in Omaruru über 200 km entfernt liegt.
In Otjiwarongo, wo seit 17 Jahren der heutige Superintendent (Dean) des Kirchenkreises, Pastor John Guidao-oab, tätig ist, findet schließlich der Höhepunkt der Delegationsreise statt: Im Sonntagsgottesdienst ist der Bischof der ELCRN zu Gast. Bischof Sageus /Keib weiht das neue Sion Life Coaching Center ein, ein kreiskirchliches Schulungs- und Beratungszentrum, das jungen Menschen den Weg in eine gesicherte berufliche Zukunft weisen soll. Die Kirche ist an diesem Sonntag bis auf den letzten Platz mit rot-weiß gekleideten Menschen gefüllt. Rot ist die Farbe für besondere Kirchenfeste. Es ist ein fröhlicher Gottesdienst mit viel Gesang, der 4 ½ Stunden dauert. Das neue Beratungszentrum wurde durch Fördermittel aus der rheinischen Landeskirche unterstützt und ist ein weiteres Beispiel für die erfolgreiche kirchliche Partnerschaft zwischen den drei Kirchenkreisen.
Das sind zweifellos auch die Girlsclubs im Kirchenkreis Otjiwarongo. Sie tragen dazu bei, dass sich Mädchen und junge Frauen zu eigenständigen selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln können. In jeder Gemeinde haben sich solche Girlsclubs inzwischen etabliert, und sie sind gut untereinander vernetzt. Der Girlsclub in Otjiwarongo hat mittlerweile stolze 80 Mitglieder.
Die vierköpfige Delegation hat am Ende der Reise den Eindruck gewonnen, dass sich der Kirchenkreis Otjiwarongo gut entwickelt und dass die Projekte, die in den vergangenen Jahren gemeinsam auf den Weg gebracht wurden, Früchte tragen. Die freundschaftlichen Beziehungen, die durch solche Besuchsreisen entstehen, tragen dazu bei, dass die kirchliche Partnerschaft weiter wachsen kann.
Der Wert der Partnerschaftsarbeit zeigt sich keineswegs nur in der finanziellen Unterstützung durch die deutschen Partner. Er liegt vor allem auch in der ermutigenden Erfahrung, dass Kirche selbst unter schwierigsten Bedingungen überleben kann, wenn sie von einem zuversichtlichen Glauben und einer starken Gemeinschaft getragen wird.
Ausführlich berichten die Partnerschaftsbeauftragte Melanie Wehmeier und Superintendent André Ost im Rahmen eines Vortrags am Donnerstag, 18. September 2025, um 19.00 Uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindehaus in Westerkappeln, Kirchstr. 5, über die Reise in den Partnerkirchenkreis Otjiwarongo.
Bericht: André Ost
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