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Keine Absage an Diplomatie im Ukraine-Krieg - Vortrag von Professor Dr. Hans-Richard Reuter über evangelische Friedensethik

Im Rahmen der Vortragsreihe „Tecklenburger Gespräche“ laden die Organisatoren aus der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde regelmäßig zu Gesprächsabenden über aktuelle Themen ein. Am 19. Januar 2023 war Prof. Dr. theol. Hans-Richard Reuter im evangelischen Gemeindehaus zu Gast.

Dr. Heinrich Winter begrüßte die Besucher im Namen der evangelischen Kirchengemeinde. Zu den akademischen Schwerpunktthemen des Universitätsprofessors a. D. gehören unter anderem Friedens- und Rechtsethik. Für seinen Impulsvortrag hatte er das Thema „Zeitenwende in der evangelischen Friedensethik? – Das Recht auf staatliche Selbstverteidigung“ gewählt. Die Ausführungen boten zahlreiche Anregungen für die anschließende Diskussion.

Als ehemaliges Mitglied der Kammer der Evangelischen Kirche Deutschland für öffentliche Verantwortung war Reuter an der Erarbeitung der Friedensdenkschrift der EKD von 2007 unter dem Titel „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ beteiligt. Es stelle sich im Jahr 2023 angesichts des von Russland geführten Angriffskrieges gegen den souveränen Staat Ukraine die Frage, ob die damals bezogenen Positionen noch tragfähig seien, so der Referent. Er analysierte noch einmal die dort niedergelegten Beschlüsse, die unter dem Leitgedanken des gerechten Friedens gefasst wurden und erläuterte die drei Eckpunkte „Gerechter Frieden“, Recht als Mittel zum Frieden“ und „Ethik rechtserhaltender Gewalt“. Die Denkschrift geht auf vielfältige Bedrohungen der weltpolitischen Ordnung ein und betont den biblisch begründeten Beitrag der Christenmenschen und Kirchen für den Frieden in der Welt.

Professor Reuter plädierte für ein Umdenken und einen Paradigmenwechsel in der evangelischen Friedenspolitik. „Wie unterstützt man ein Land, das sich gegen einen übermächtigen Aggressor wehrt“, fragte er. Auch bei Anwendung „rechtserhaltender Gewalt“ würden moralische Prüfkriterien nicht aufgehoben. „Ohne Schuld kommt hier keiner davon“, so Reuter. Die veränderte Weltlage lasse sich noch nicht abschließend beschreiben, so der Referent. Der Konflikt mit der Ukraine habe sowohl eine geopolitische als auch eine politische Dimension. Darin prallen unterschiedlichste Interessen aufeinander, die zu unermesslichem Leid der Bevölkerung führen.

Neu zu bedenken sei das Primat ziviler Konfliktbearbeitung, die Kirche könne sich jedoch nicht für einen konsequenten Pazifismus entscheiden, erklärte Reuter. Gegen Massaker, wie in Butscha oder Mariupol geschehen, sei ziviler Widerstand wirkungslos. Er formulierte Voraussetzungen für einen Friedensschluss, der Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten sowie internationale Zusammenarbeit erfordere. Der Diplomatie dürfe keine Absage erteilt werden, basale Menschenrechte und die Anerkennung des Völkerrechts seien unabdingbar. Bei der Anwendung von Gegengewalt stünden die Legitimität der Kriegsziele und das Gebot der Leidvermeidung im Vordergrund. Der Westen müsse bei Waffenlieferungen besonnen vorgehen und dürfe keine Konfrontationen schüren.

In der regen Diskussion wurden eine nachhaltige Friedensordnung, Verhandlungslösungen für den Donbass und die Krim, Pazifismus, Wahrung eigener nationaler Interessen, Klimaschutz, Wiederherstellung der Grenzen der Ukraine vor dem Beginn des Krieges, eine mögliche Kapitulation, der Verzicht auf eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine oder die Verantwortung deutscher Politiker gegenüber der eigenen Bevölkerung angesprochen. Pfarrer i.R. Reiner Ströver vermisste in den gesamten Prozess die Aussage, dass Gewaltanwendung immer auch Schuld vor Gott bedeute. „Ganz wichtig ist es, Ziele zu definieren, die Interessen aller Beteiligten berücksichtigen“, stellte Pfarrer Günter Witthake vom Seelsorgeteam der katholischen Kirche fest. “Was für einen Frieden können wir überhaupt erreichen?“ war ein grundlegendes Thema der Gespräche. Kooperation und gemeinsame Projekte im humanitären Bereich sollten angestrebt werden. Es müsse stets nach Möglichkeiten und Wegen einer nachhaltigen Überwindung von Gewalt und der Stiftung des Friedens gesucht werden.

Text: Brigitte Striehn

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