Unsere aktuellen Nachrichten auf einen Blick

Im Exil die Bibel übersetzt - 500 Jahre Neues Testament auf Deutsch

Anders als Martin Luther in seinem einjährigen Exil auf der Wartburg, verfiel Pfarrer Harald Klöpper nicht in eine Depression, als er drei Monate ans Krankenbett gefesselt war. Der Geistliche nutzte die Zeit und komponierte ein aus kleinen Spielszenen, Video-Sequenzen und Lesungen bestehendes Mosaik, das die Jahre nach dem Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 beleuchtet, die in der Übersetzung des Neuen Testamentes durch den Reformator Martin Luther gipfelten.

Am Donnerstag, 29. Oktober, dem 500. Jahrestag der Veröffentlichung des mit handkolorierten Holzschnitten von Lucas Cranach illustrierten „Septembertestaments“, erinnerten Pfarrer Harald Klöpper, Vikar Dr. Jonathan Robker, Carmen Büscher und Superintendent André Ost äußerst kurzweilig in der Hohner Kirche an die Entstehung des Urdrucks von Martin Luthers Übersetzung des neuen Testaments ins Frühneuhochdeutsche.

Mit einem dramaturgisch geschickten Kniff versetzte Harald Klöpper das leider überschaubare Publikum in die Zeit um 1520:  Er ließ Waschfrau Katharina, alias Carmen Büscher, von ihrem Herrn, Luthers engem Freund und Wegbegleiter Philipp Melanchthon, und der von ihm initiierten Bücherverbrennung vor dem Wittenberger Elstertor berichten, bei der Luther selbst ein Exemplar der päpstlichen Banndrohungsbulle den Flammen übergeben hatte.

Die Waschfrau wähnte den Reformator verschollen, nachdem dieser sich, 1521 von Kaiser Karl V. zum Reichstag nach Worms zitiert, geweigert hatte, seine Schriften zu widerrufen. Ein Videofilm erinnerte an die durch Friedrich den Weisen inszenierte Entführung des nunmehr vogelfreien Reformators auf die Wartburg in Eisenach, wo lediglich Burgherr Berlepsch um die wahre Identität von „Junker Jörg“ wusste.

In depressiver Stimmung habe der Verbannte „getwittert“, bemerkte Pfarrer Klöpper und leitete damit geschickt zu einer Reihe von Briefen Luthers an Melanchthon, Nikolas von Amsdorf, Johann Agricola oder Spalatin über, aus denen Superintendent André Ost las und die Aufschluss über die Verfassung des Reformators während seines Exils gaben. Erst als Luther, der in seiner Stube auf der Wartburg mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben soll, Wittenberg einen heimlichen Besuch abgestattet hatte, begab er sich im Dezember 1521 an die Übersetzung des Neuen Testaments.

Wie dürftig der Handapparat gewesen sein muss, der ihm für die Übersetzung aus dem Griechischen ins Frühneuhochdeutsche zur Verfügung stand, demonstrierte eindrucksvoll Vikar Jonathan Robker. Der voll beladene Bücherwagen eines Übersetzers unserer Zeit leerte sich rasant.

Harald Klöpper schließlich erinnerte daran, dass Luther eine allgemeinverständliche Übersetzung, eine Übersetzung, die „dem Volk aufs Maul schaute“, angestrebt habe. Ein eindrucksvolles Beispiel gab Carmen Büscher, als sie einen der bekanntesten Texte aus dem Neuen Testament, das Hohelied der Liebe, las. Das wiederum nahm Pfarrer Harald Klöpper zum Anlass, über die sprachlichen und die grammatikalischen Herausforderungen zu berichten, die eine Bibelübersetzung mit sich brachte und bringt.

In die Rolle des Buchdruckers Lotter Melchior schlüpfte schließlich Superintendent André Ost, der unter anderem zu berichten wusste, dass das Septembertestament den Preis des Jahresgehalts einer Magd hatte und dass nach nur drei Monaten bereits eine Neuauflage gedruckt werden musste, die 600 Korrekturen enthielt.

Das erste Exemplar der Luther-Bibel hielt am 25. September 1522 Hans Sittich von Berlepsch in Händen. Vier Tage später wurde die Bibel, im 21. Jahrhundert längst in leichte Sprache und sogar ins Ruhrgebiets-Deutsch übertragen – der gebürtige Dortmunder André Ost gab eine entsprechende Kostprobe –, auf der Leipziger Messe angeboten.

Das Angebot Pfarrer Klöppers, eine jener Merian Pracht-Bibeln, die einst an Haustüren für rund 1700 Euro als „Faksimile-Ausgaben“ der Luther-Bibel angeboten worden waren, zu ersteigern – Mindestgebot 50 Euro –, scheiterte zwar mangels des Interesses. Gleichwohl spendete das Publikum viel Applaus für den gelungenen Abend, der allerdings entschieden mehr Zuschauer verdient hätte.

Text: Joke Brocker, Westfälische Nachrichten Lengerich

Zurück