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Fesselnder Roman über ein reformpädagogisches Projekt - Sandra Lüpkes stellte ihr Buch „Die Schule am Meer“ vor

Die aktuelle Ausstellung "Du Jude! - Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland" im Dietrich- Bonhoeffer-Haus Westerkappeln wird durch eine Reihe von hochinteressanten Rahmenveranstaltungen flankiert. Am 3. November 2022 erfuhren die Zuhörer von Sandra Lüpkes, wie sich Antisemitismus und Nationalsozialismus in den 1920er und Anfang der 1930er Jahre bis in abgelegenste Orte ausbreiteten.

Die Schriftstellerin erzählt in ihrem Roman „Die Schule am Meer“ von einem bedeutenden reformpädagogischen Projekt auf der Nordseeinsel Juist. Sie hat als Tochter des Pastors 23 Jahre dort gelebt, kennt die Orte und versteht, wie die Insulaner „ticken“. Mit großem Einfühlungsvermögen vermischt sie Realität und Fiktion, sodass ein überzeugendes Spiegelbild des Alltags an der Schule sowie auf der Insel entsteht. Nicht ohne Humor schildert sie den Umgang der Jungen und Mädchen, die das Internat besuchten und gemäß der Prämisse der Koedukation gemeinsam lebten und unterrichtet wurden.

Anhand sorgfältig ausgewerteter Originaldokumente, Briefe, Zeitungsausschnitte und Archivmaterialien ist es ihr gelungen, neue Aspekte zu den vorhandenen Niederschriften hinzuzufügen. Die Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet. Bei der Lesung entstanden sie vor den Augen der Zuhörer noch einmal. Sandra Lüpkes entreißt in vortrefflicher Weise einen Abschnitt der Geschichte dem Vergessen, der am Aufkommen des Nationalsozialismus und zunehmender Judenverfolgung scheiterte.

Das Buch beginnt im Juli 1925, als die Lehrerin Anni Reiner und ihre drei Töchter auf Juist ankommen. Mit ihrem Mann Paul und einem engagierten Team Pädagogen wird sie in den kommenden neun Jahren Schüler aus der ganzen Welt in einem reformpädagogisch angelegten Landerziehungsheim auf das Abitur vorbereiten. Die Privatschule hatte viele Gönner, wurde jedoch andererseits misstrauisch beäugt. Beschimpft als „Juden- oder Kommunistenschule“ musste sie um gesellschaftliche Anerkennung und gegen ständige Geldsorgen kämpfen. Der Lehrkörper legte großen Wert auf eine gleichwertige musische, sportliche und wissenschaftliche Ausbildung. Die dunkle Seite des charismatischen Schulleiters Martin Luserke kam erst nach 1933 zum Vorschein, als er sich den neuen Herrschern andiente. Idealismus und menschliche Schwäche schließen einander nicht aus.

Sandra Lüpkes freute sich sehr, das Buch vor interessierten Zuhörern vorstellen zu dürfen. Sie las ausgewählte Abschnitte; darüberhinaus erzählte sie von ihren Recherchen auf der Insel, in Archiven und durch einen großen Glücksfall im Haus der Lehrerin Anni Reiners im Tessin. Dazu zeigte sie historische Fotos. Sie berichteten von fröhlichen Begebenheiten und traurigen Vorkommnissen. Reale Persönlichkeiten, die dort wirkten, ließ die Autorin in allen Widersprüchlichkeiten wieder lebendig werden. Die fiktiven Figuren fügten sich nahtlos in das Geschehen ein und ergaben ein stimmiges Panorama. Dramatische Ereignisse, wie den Eiswinter 1928/29, schildert Lüpkes in eindringlicher Sprache und atemberaubenden Bildern. Als die Insel vom Festland abgeschnitten war, rückten die Bewohner enger zusammen. Das war jedoch nicht von Dauer, wie sich schon nach wenigen Wochen zeigte.

Juist war lange Zeit als mondänes Seebad geschätzt, für den offenen Antisemitismus gibt es jedoch viele Beweise, wie bei der Lesung deutlich wurde. Dies führte letzten Endes zur Schließung der Schule, denn Kinder reicher jüdischer Eltern und Anni Reiner mussten sie verlassen. Die Tochter der jüdischen Frankfurter Unternehmerfamilie Hochschild hatte große Teile ihres Vermögens zum Erhalt beigesteuert. 1934 wurde das Projekt wegen Zahlungsunfähigkeit geschlossen, hatte die Autorin herausgefunden. Nach der Lesung schrieb sie gern Autogramme, beantworte Fragen aus dem Publikum zu ihren Recherchen, ihrer Art zu schreiben oder Zukunftsplänen. Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt der Evangelischen Kirchengemeinde Westerkappeln, des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg und der Evangelischen Erwachsenenbildung. Bis zum 25. November 2022 ist sie im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Westerkappeln zu sehen. Am 14. November 2022 hält der Historiker Gisbert Strotdrees einen Vortrag über den „Kibbuz Westerbeck“, wo jüdische Jugendliche zwischen 1933 und 1938 durch eine landwirtschaftliche Ausbildung auf ihre Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden.

Text: Brigitte Striehn

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