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Donnerstag 12. April 2018 | Alter: 14 Tage

Der Wolf kehrt zurück – was nun? - Kontroverse Debatte beim Abend des Ev. Sozialseminars

Kategorie: alle Nachrichten


Eva Niederdalhoff vom Landwirtschaftlichen Ortsverein Lienen und Dr. Rudolf Holtkamp (r.) vom evangelischen Sozialseminar Lienen hatten Wanderschäfer Jürgen Schienke (l.) und Wolfsberater Gerd Hopmann zu Gast. Thema des Abends war „Der Wolf kehrt zurück – was nun?“

KATTENVENNE. Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, ist der Auftrag, den sich das evangelische Sozialseminar Lienen seit Jahren auf die Fahne schreibt. „Jeder hat zum Wolf eine Meinung, und ich fürchte, das werden wir heute Abend nicht ändern“, stellte Dr. Rudolf Holtkamp, Sprecher des Vorbereitungsgremiums, zu Beginn des Abends zum Thema „Der Wolf kehrt zurück – was nun?“ fest. In der Tat kochten die Emotionen in der Diskussion hoch. Holtkamp gelang es mit Ruhe und Geduld, dass alle ihren Standpunkt vertreten konnten.

Basis der kontroversen Debatte waren die Ausführungen der Referenten, die das Sozialseminar und der Landwirtschaftliche Ortsverein Lienen zu dem gleichermaßen hochaktuellen wie brisanten Thema eingeladen hatten. Da war zum Einen der Wanderschäfer Jürgen Schienke, der im Auftrag des Vereins Arbeitsgemeinschaft für Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL) mit einer Herde Bentheimer Schafe zwischen Lienen und Brochterbeck, Westerkappeln und Ladbergen unterwegs ist, zum Anderen Gerd Hopmann, ehrenamtlicher Wolfsberater im Emsland, der für den erkrankten Kollegen Dag-Olaf Göpfert aus dem Raum Osnabrück kurzfristig eingesprungen war.

Hopmann ließ die Rückkehr des Wolfes in hiesige Gefilde Revue passieren und informierte über den Status quo des Wolfsvorkommens in der Region. Für ein aussagekräftiges Monitoring, das die Landesjägerschaft Niedersachsen in Kooperation mit den ehrenamtlichen Wolfsberatern des Bundeslandes erstelle, wünschte er sich eine höhere Meldebereitschaft. „Es ist nicht alles der Wolf gewesen, wenn etwas tot gefunden wird“, warnte er davor, jeden Riss eines Nutztiers dem Wolf in die Schuhe zu schieben. „Datum, Uhrzeit, Ort am Besten als GPS-Koordinaten und im Idealfall eine DNA-Probe, sprich eine Losung in die Tüte packen“, bat Hopmann um Mithilfe. „Ohne Daten ist eine ordnungs-gemäße Aufnahme ins Monitoring nicht möglich“, fuhr er fort.

Lediglich 45 Prozent der amtlich festgestellten Risse seien eindeutig dem Wolf zuzuschreiben. „Ich bin nicht gegen den Wolf, aber auch nicht flächendeckend dafür“, stellt Hopmann klar. „Los werden wir den nicht mehr, das können wir uns abschminken“, ist er überzeugt. Wichtig ist dem ehrenamtlichen Wolfsberater, dass Nutztierhalter schnell und unkompliziert entschädigt würden. Das ist Jürgen Schienke zu wenig. Es sei schön und gut, wenn er gerissene Tiere entschädigt bekomme, betonte der Wanderschäfer. „Aber was machen die übrigen 597 Tiere“, befürchtet er, dass die Herde in Panik die Flucht ergreifen würde. Ein Horrorszenario für den Mann, der seit 30 Jahren seine Tiere auch entlang Autobahnen und Eisenbahntrassen führt. Eine vom Wolf attackierte Herde könne er zudem lange Zeit nicht mehr von A nach B bringen, wies er darauf hin, dass die Tiere nicht mehr führbar sein. „Wegen ihres fotografischen Gedächtnisses kennen die sich untereinander“, warnte er vor zu viel Euphorie, dass der Wolf in der Region unterwegs sei. „Die Tierschützer freuen sich, ich habe ihn nicht vermisst“, räumt der Mann ein, der grinsend erklärt, er sei kein Wolfshasser, solange der nicht seinen Esel fresse. Er habe nichts gegen den Wolf und auch der Berufsschäferverband mache den Wolf nicht für die Probleme der Schäfer verantwortlich. „Aber wir haben die Verantwortung für die Schafe, wir müssen sie schützen, und das wird teuer“, gab er zu bedenken. Der Vorschlag aus dem Publikum, statt Hütehunden Herdenschutzhunde einzusetzen, überzeugte Schienke nicht. „Wenn die etwas bewirken sollen, müssen die Aggressions-potenzial haben, das sehe ich am Hermannsweg nicht“, erklärte er.

In der anschließenden Diskussion schenkten sich die Redner nichts. Schützenhilfe leistete Anja Roy, Wolfsberaterin aus Lienen, dem

Kollegen Hopmann. Ein Mann aus dem mehr als 60 Frauen und Männer starken Publikum hatte ihm vorgeworfen, nicht objektiv zu sein, stattdessen Politik zu machen. Roy bescheinigte Hopmann die Objektivität seiner Ausführungen. Sie gab zu bedenken, dass seit zwei Jahren Gerüchte über Wölfe in der Region kursierten. „Bei mir ist aber noch keine offizielle Meldung eingegangen“, wies Roy darauf hin, dass der offizielle Dienstweg eingehalten werden müsse, wolle man stichhaltige Zahlen erhalten.

Zu Beginn des Abends hatte Holtkamp dem kürzlich verstorbenen ehemaligen Lienener Pfarrers und Superintendenten im Ruhestand Dr. Wilhelm Wilkens gedacht. Er hatte das evangelische Sozialseminar Lienen im Jahr 1960 mitbegründet.

Als „eins der letzten Mohikaner“ stehe das Sozialseminar nun in wenigen Jahren vor dem Aus, kündigte Holtkamp an. Der „Verein evangelischer Sozialseminare“ habe zu Beginn des Jahres seine Auflösung beschlossen. „Aus Rücklagen des Vereins können wir noch zwei Jahre, aus eigenen Rücklagen noch zwei weitere Jahre Veranstaltungen durchführen“, stellte er fest.

 

Text und Foto: Dietlind Ellerich