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Dienstag 08. August 2017 | Alter: 76 Tage

Was ist gute Arbeit wert? SommerFerienGottesdienst auf der RAG-Zeche Anthrazit Ibbenbüren

Kategorie: alle Nachrichten


IGBCE-Bezirksleiter Friedhelm Hundertmark forderte Gerechtigkeit, Solidarität und Würde für alle Arbeitnehmer.

IBBENBÜREN – Es war schon ein ungewöhnlicher Ort, den sich der evangelische Matthäus-pfarrbezirk Ibbenbüren für seinen Beitrag zu den „SommerFerien-Gottesdiensten“ am ersten Augustsonntag ausgesucht hatte: Das Zechengelände war Gastgeber der dritten Station der sommerlichen Zentralgottesdienstreihe der evangelischen Gemeinde Ibbenbüren. Zwar musste auf das ganz „typische“ Bergwerksambiente – wie es beispielsweise eine Kaue geboten hätte – verzichtet werden, doch auch der Frühstücksraum im Ausbildungszentrum der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH lieferte eine nicht alltägliche Kulisse.

Viele Besucher hatten sich zu dem – vielleicht einmalig bleibenden – Gottesdienst eingefunden; Bergleute ebenso wie Gäste aus den anderen Gemeindeteilen. Der Ablauf war dabei höchst ungewöhnlich: Neben einer verkürzten Liturgie und der Übernahme des kompletten musikalischen Anteils durch „G-sus“, der Jugendband der Matthäusgemeinde, meldeten sich Friedhelm Hundertmark, IGBCE-Bezirksleiter, und Jörg Buhren-Ortmann, Arbeitsdirektor der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH, zu Wort. Dazu stellten vier Sänger in bester ökumenischer Eintracht das alte Knappenlied „Glückauf Kameraden durch Nacht zum Licht“ vor, das sich auf seine Weise mit dem Thema „Gerechtigkeit“ auseinandersetzt.

„Ich bin hier nicht Hausherr“, begrüßte Pfarrer Andreas Finke die Anwesenden, um dann ergänzend zu formulieren: „Willkommen an einem Ort, an dem ich Sie eigentlich gar nicht willkommen heißen kann.“ Ein Ort übrigens, der sehr schnell als Wunschort für den SommerFerienGottesdienst festgestanden habe, wie Finke erzählt, schließlich fällt das RAG-Gelände in den Bereich des Matthäuspfarrbezirks.

Was die Zeche mit einem Weinberg zu tun hat, das erfuhren die Gottesdienstbesucher im Folgenden: Das Gleichnis vom Weinberg (Matthäus) sei nach wie vor aktuell; auch Gewerkschaft und Betriebsleitung trügen – wie der Weinbergsbesitzer - dafür die Verantwortung, dass gute Arbeit gerecht entlohnt werde, findet Andreas Finke.

Doch das ist gar nicht so einfach, wie die Beiträge von Gewerkschafter Friedhelm Hundertmark und Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann im Folgenden zeigten. Zwar sei heute Vieles selbst-verständlich, doch immer noch müsse um Lohn- und soziale Gerechtigkeit gekämpft werden, so Hundertmark, der sich über die Einladung zu diesem ungewöhnlichen Gottesdienst sichtlich freute. Viel habe sich in der 125-jährigen Geschichte der IGBCE getan; „Im Mittelpunkt der Gewerk-schaftsarbeit stand schon immer der arbeitende Mensch und seine Würde“. Daran habe sich bis heute nichts geändert, bringt es Hundertmark auf den Punkt. Im Gegenteil: Profitgier habe weltweit zu Ausbeutung geführt, die Arbeitsbedingungen hätten sich zum Teil drastisch verschlechtert – „und das auch bei uns“. Der Bezirksleiter der Gewerkschaft fordert daher Gerechtigkeit, Solidarität und Würde für Alle: „Der Mensch hat ein Recht auf Achtung seiner Person bei gerechter Bezahlung“, so Hundertmark.

„Äußerst schwierig“ findet RAG-Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann die Sache mit der gerechten Bezahlung. Er lud die Anwesenden zu einer gedanklichen Grubenfahrt ein, schilderte anschaulich verschiedene Arbeitsbereiche über und unter Tage. Wichtig sind alle Arbeitskräfte; die einen übernehmen die körperlichen, die anderen die betriebswirtschaftlichen oder absichernden Tätig-keiten – „Sollen da alle den gleichen Lohn erhalten?“ fragte er. Insgesamt gebe es bei der RAG Anthrazit Ibbenbüren gute finanzielle Bedingungen, aber beim Blick auf manch andere Branche seien eben doch Unterschiede feststellbar. „Persönliche Gerechtigkeit wird es nicht geben“, so das Fazit des Arbeitsdirektors.

„Schon zu biblischen Zeiten wussten die Menschen, dass man unanständig viel Geld verdienen kann – aber auch unanständig wenig“, nahm Pastor Andreas Finke anschließend noch einmal Bezug auf das „Weinberg“-Gleichnis. Trotzdem habe sich die Kirche aus der Arbeit der Gewerkschaften herauszuhalten, wenngleich sie durchaus erinnern dürfe an den Kampf derselben für soziale Gerechtigkeit. „Gott braucht jeden Menschen“, seine Würde hänge nicht an seiner Leistungs-fähigkeit, betonte Finke, um dann aber noch einmal den Kernpunkt zu rekapitulieren: Das Recht eines jeden Menschen auf ein auskömmliches Einkommen.

Mit einem „alten Kirchenschlager, egal, in welcher Konfession“ (Finke) endete der dritte SommerFerienGottesdienst: „Großer Gott, wir loben dich!“ schallte es aus vielen Kehlen.

 

Claudia Ludewig