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Montag 10. April 2017 | Alter: 195 Tage

Die Reformation kann durchaus im Kontext der Freiheitsgeschichte Europas gesehen werden

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Dr. Christopher König referierte in Lengerich.

Lengerich. „Luthers Theologie war eng mit den religiösen Problemen seiner Zeit verbunden“, meinte Dr. Christopher König in seinem Vortrag im Rahmen der Theologischen Vortragsreihe, die sich mit Fragen der Reformation aus unterschiedlichen Sichtweisen befasst. „Martin Luther war ein Mensch der Wende ins 16. Jahrhundert. Wenn man die religiöse Reformation Wittenbergs als Teil einer sozialen und intellektuellen Umbruchsgeschichte nicht isoliert, sondern im Kontext betrachtet, kann man sie, durchaus in die Freiheitsgeschichte Europas hineinstellen“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Reformationsgeschichte der Ruhr-Universität Bochum weiter. „Wer sich auf die Reformation als Beginn einer Geschichte des Gewissens, der Freiheit und der Pluralität beruft, tut gut daran, den Abstand zum 16. Jahrhundert im Blick zu behalten und die schwierigen, teilweise blutigen, militärischen, mit Migrationen und Vertreibungen durchzogenen Entwicklungen nicht zu übersehen, die zwischen Luther und unserem freiheitlichen Europa stehen“, meinte er.

Prominente Protestantismus-Forscher wie Thomas Kaufmann und Heinz Schilling haben deutliche Kritik an der von der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) herausgegebenen Publikation „Rechtfertigung und Freiheit“ geübt. Die EKD-Schrift aus dem Jahr 2014 stelle die theologische und gedächtnispolitische Grundlage des Reformations-Jubiläumsjahrs 2017 dar, berichtete Christopher König. Luther werde hier als Begründer der individuellen Mündigkeit verstanden: Der einzelne Christ stehe jenseits aller menschlich-irdischen Autoritäten seinem Schöpfer gegenüber. In der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Welt“ betonten die Protestantismus-Forscher, dass in der Reformation unterschiedliche politische, soziale, ökonomische und kulturelle Faktoren auf eine komplexe Weise ineinanderflossen, die ein rein theologisches, lehrhaftes Verständnis des Umbruchs in die Frühe Neuzeit kaum möglich machten. „Mir scheint es wesentlicher“, so König, „dass die Freiheit ein hohes und im Lauf der europäischen Geschichte schmerzhaft errungenes Gut ist, an dem auch die Geschichte des Christentums Anteil hat“.

Der Thesenanschlag an die Tür der Schlosskirche Wittenberg und Luthers Auftreten vor dem Wormser Reichstag mit den Worten „Hierstehe ich, ich kann nicht anders!“ seien zu Nahaufnahmen geworden. Diese Nahaufnahmen hätten visuelle Ursprungmomente des Aufbegehrens gegen einengende kirchliche Traditionen und des mutigen Widerspruchs eines Einzelnen gegen fehlgerichtete kirchliche und weltliche Obrigkeit geprägt, betonte der Theologe. Seine 95 Thesen gegen den Ablass schickte Luther an den Brandenburger Bischof Hieronymus Schulz und an Erzbischof Albrecht von Mainz. „Damit wollte der Reformator sie zu einer neuen Position gegenüber dem Ablass bewegen“, so König weiter. Dass er sich nicht an die breite Öffentlichkeit, sondern an seine Vorgesetzten wandte, sei durchaus brisant gewesen. In seiner Disputation machte er auch aus seiner Kritik an der gängigen Bußpraxis keinen Hehl. „Gebunden fühlte er sich lediglich an das Evangelium, das es aus den Missverständnissen der kirchlichen Traditionen zu befreien galt“ berichtete der Referent.

Luthers Freiheitsschriften von 1520

Martin Luther verfasste 1520 drei Schriften, die in Expertenkreisen als „reformatorische Hauptschriften“ gelten. In ihnen fällt auf, dass in ihnen der Freiheitsbegriff zu einem unübersehbaren Kernanliegen wird. In der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ ist davon die Rede, „Mauern einzurennen, die das Papsttum dem Evangelium gesetzt hat“. In der Publikation „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, die von gegenpäpstlicher Polemik durchzogen ist, stellt die Gefangenschaft der Kirche das Hauptmotiv dar. „Das Evangelium, die freie Ausübung der Sakramente, sei durch Rom und den Papst in Knechtschaft und Unwahrhaftigkeit geführt worden“ heißt es da. “Doch das grundlegende theologische Freiheitsverständnis entfaltete Martin Luther vor allem in der Schrift `Von der Freiheit eines Christenmenschen´, die 1520 in Nürnberg erschien“ führte der Referent aus. Sie sei damit auf dem ersten Höhepunkt der publizistischen Auseinandersetzungen um die Rolle der Kirche und des Papsttums und im Wissen um den in Rom gegen Luther geführten Ketzerprozess entstanden. In der Eröffnung heißt es:“ Ein Christenmensch ist ein freier Herr über aller Ding und jedermann untertan“. Der Reformator, so König weiter, unterscheide hier zwischen einer geistlichen und leiblichen Natur des Menschen. Beide Seiten, so Luther, liegen miteinander im Widerstreit.

Das Freiheitsverständnis Luthers

Wesentlich seien für Luther der inwendige, geistliche Mensch, und die Frage gewesen, was notwendig ist, damit dieser ein „frommer, freier Christenmensch“ genannt werden könne. Er ging davon aus, dass Frömmigkeit und Freiheit der Seele aus dem Evangelium kommen müsse“, stellte der Referent dar. Luther gehe es um die von Gott im Glauben vermittelte innere Freiheit und weniger um das gesellschaftliche Miteinander. Erst im zweiten Schritt trete die ethische Perspektive in der Freiheitsschrift hinzu:“ Freiheit ist zugleich Freiheit von und Freiheit zu etwas: Freiheit von den Verderbensmächten und zugleich zum Dienst am Nächsten“ heißt es da.

Nachdem Luthers Reformanliegen von der Papstkirche abgelehnt wurden, richtete er sich in der Adelsschrift an die auf dem Reichstag zu Worms versammelte politische Führung. Die deutschen Obrigkeiten sollten sich die Sache einer Kirchenreform zu Eigen machen und mit dem päpstlichen Einfluss auch in weltlichen Angelegenheiten brechen. Luthers Texte, so König, verselbständigten sich und traten teilweise in eine gewisse Differenz zum Autor, der nicht mehr allein über die Wirkung seiner Gedanken verfügte. Sein Resümee:“ Aus historischer Sicht wird man diese beiden Stränge, den religiösen und den politisch-sozialen Freiheitsbegriff, nicht gut auseinanderreißen können.“