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Montag 20. März 2017 | Alter: 8 Tage

Okko Herlyn in Lengerich - "Dumm gelaufen: 500 Jahre Reformation"

Kategorie: alle Nachrichten


Okko Herlyn begeisterte die Zuschauer im Martin-Luther-Haus.

Martin Luther, mein Gott, was machen se da momentan für‘n Bohei drum. Wer bislang meinte, „seinen“ Luther zu kennen, wird sich verwundert die Augen reiben. „Großer Reformator, früher Frauenversteher, kreativer Vordenker“, begrüßte Kabarettist Okko Herlyn das Publikum im Martin-Luther-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Lengerich. Eigentlich mögen es die Protestanten eher schlicht. Doch zum Reformationsjahr locken andere Dinge, wie Luther-Vorträge, Luther-Feten, Luther-gottesdienste, Luther-Sondermarken, Luther-Socken, Luther-Autoschlüsselanhänger und gar Luther-Weingummitütchen, den protestantischen Christen aus der Reserve. Zudem gibt es Wallfahrten nach Wittenberg mit preisgünstigen Kakaobechern in Form eines historischen Tintenfasses und verschiedenen Angeboten zur Selbstkasteiung. Ja, und wofür das ganze Palaver? fragte sich der ehemalige Professor der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und gab den lachenden Männern und Frauen gleich die Antwort mit: „Nur weil der Mann so’n paar rostige Nägel inne Kirchentür gekloppt hat. Ja, ich bitte Sie. Dat kann doch jetzt nicht wahr sein“. Diese, wie auch andere „Dönekes“ aus dem geschichtlichen und innersten der Kirche, erzählt der rhetorisch geschliffene Theologe dermaßen anschaulich, dass man sich gleich in die Szenerie hineinversetzt sieht und unmittelbar zu deren Bestandteil wird.

Ganz nach dem Motto seines Programms: „Dumm gelaufen: 500 Jahre Reformation“. Mit einem Augenzwinkern nahm sich der ehemalige Duisburger Pfarrer, im besten Ruhrpottdialekt, den Reformer Johannes Calvin vor, dessen Jubiläum wohl eher kleiner ausfiel. „Bei uns in Duisburg in der Galeria Kaufhof in der Herrenkonfektionsabteilung gibt es jetzt sogar Calvin-Unterhosen. Sitzen zwar’n bisschen eng… Deshalb steht auch immer extra „Calvin klein“ drauf. Dabei wollten die Reformierten doch erst recht keine „Spaßgesellschaft“ sein sondern wünschten sich Zucht und Ordnung. Okko Herlyn ist ein Könner seines Fachs und stellte die wohl wichtigste Frage des Abends: „Warum tun sich Menschen den Kirchenchor an?“ Kurzum wurden die Gäste im Saal selbst zur Gesangsprobe des Kirchenchores eingeladen und stimmten kräftig mit ein. Dann klärte der mehrfach preisgekrönte Kabarettist auf: „Wir machen Fahrten, backen Plätzchen und spielen dann noch Karten“. Auf exzellente und süffisante Art stellte er fest: Am Gemeinschaftsgefühl liegt es - vom gemeinsamen Kaffeetrinken bis hin zu Postkarten von Chormitgliedern. Immer wieder wechselte das Urgestein des Kirchen-Kabaretts mit seinem selbstironischen Blick geschickt zwischen Erzähl- und Gesangsebene und warf den Blick über den Kirchturm hinaus auf weltliche Probleme.

In seinen selbstgedichteten Liedern fasste er die jeweiligen Themen musikalisch zusammen. In bester Stammtischmanier kam zugleich derber Humor, vor der im nächsten Moment mindestens genauso derb wieder entkräftet wurde. Der Duisburger redet Klartext, wie man ihn nur noch selten hört, spricht über Themen, die viele Kirchgänger unter vorgehaltener Hand beschäftigen. Stets blieb Herlyn, der auch einer der begnadetsten Nachfahren des großen Hanns Dieter Hüsch wird, selbstironisch, konnte sich aber den einen oder anderen Scherz über seine Kollegen nicht verkneifen. Dem niveauvollen Mahner Okko Herlyn gelang es, ohne erhobenen Zeigefinger alle Finger in die Wunden der (Kirchen-)Welt zu legen. Das Publikum honorierte seine Ausführungen mit einem herzlichen Applaus. Pfarrer Torsten Böhm bedankte sich für einen humorvollen, ironischen und dennoch tiefsinnigen Abend. Denn das Publikum hatte an diesem Abend einiges zu lachen, aber sicher auch die Anregung, über vieles in der Kirche kritisch nachzudenken. Lehrreich waren zudem die ausführlichen Belehrungen über die Unterschiede der Lutheraner zu den streng Reformierten.

Text und Foto: Claudia Keller