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Donnerstag 16. März 2017 | Alter: 274 Tage

Warum uns die Reformation heute noch prägt

Kategorie: alle Nachrichten


Autorin Dr. Christine Eichel.

WESTERKAPPELN. „Warum uns die Reformation heute noch prägt“, erklärte die Autorin Dr. Christine Eichel den mehr als 50 Besuchern in der Stadtkirche. Sie hatten sich Mitte März gegen das DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen Lotte und Dortmund entschieden, verfolgten stattdessen auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde und der Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Tecklenburg die „Thesen“, die die Wahlberlinerin in ihrem Buch „Deutschland, Lutherland“ ausführt. Eichel sieht die Tüchtigkeit, Zuverlässigkeit, Bodenständigkeit und Bescheidenheit der Deutschen in der protestantischen Kultur begründet, die im Zuge der Reformation vor 500 Jahren entstand.

„Wir Deutschen sind durch die Bank ganz schön protestantisch“, diese These macht Eichel in ihrem freien Vortag an verschiedenen Beispielen aus dem „Patchwork Arbeit, Geld, Familien Sozialstaat und Kulturnation“ anschaulich fest. Die Welt zu erziehen, dem Mann aus dem Volk mehr zu vertrauen als dem Kandidaten, der freimütig eingestehe, keinen Wein unter fünf Euro zu trinken, oder auf das einfache Sparbuch zu setzen statt sein Geld in Aktien zu stecken, dabei habe sich vermutlich jeder schon einmal ertappt, ist die Autorin sicher. Geld spart oder spendet man, man redet nicht drüber, gibt nicht damit an und spielt nicht damit. „Da kann man immer den Luther durchschimmern sehen“, weiß Eichel aus ihren Recherchen, dass dieser das Spekulieren mit Geld zutiefst verabscheut habe.

Die Autorin nimmt während ihres Vortrags immer wieder die USA in den Blick, sieht Trumps Wahlerfolg darin begründet, dass die Reformation dort von Calvins Prädestinationslehre geprägt sei. Der Zusammenhang von irdischem Reichtum als Geschenk für ein gottgefällig geführtes Leben stehe im Gegensatz zur Lehre Luthers, der Reichtum als ungerechten, unredlich erworbenen Mammon verstehe. Dass den Deutschen ein Superreicher suspekter sei als ein Mensch, der sein Geld mit ehrlicher Arbeit verdiene, findet Eichel nachvollziehbar. Die Deutschen arbeiten mehr als andere und das auch noch gerne. „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“, zitiert Eichel hier den Reformator Luther und empfindet Rankings, in denen Berufe wie Feuerwehrmann, Erzieher oder Altenpfleger ein besonders gutes Image haben, als „Luther in Reinkultur“. „Wir bewundern, wer seine Arbeit gut macht und der Gemeinschaft dient“, beschreibt sie ein lutherisches Gesellschaftsmodell mit einer sehr ausgeprägten Ehrenamts- und Vereinskultur.

Luther stecke in „unserem sehr ausgefeilten Sozialstaat mit seiner umlagefinanzierten Ordnung“ ebenso wie in den Bereichen Schule und Bildung. Luther habe sich zu seiner Zeit geradezu revolutionär dafür stark gemacht, dass auch Mädchen lesen und schreiben lernten. Die Kulturlandschaft mit ihren vielen staatlich geförderten Museen und Orchestern sei ebenfalls „ein sehr lutherisches Erbe“, verweist Eichel auf den „Erfinder des deutschen Gemeindegesangs“ und auf das Marketinggenie Martin Luther, der mit der bildenden Kunst gespielt habe und dessen Cranach-Porträt es in die Uffizien in Florenz geschafft habe.

Die Besucher in den Westerkappelner Kirchenbänken verfolgten Eichels „Thesen“ aufmerksam und hakten im anschließenden Gespräch bei einigen Aspekten noch einmal nach. Wer mehr über „Deutschland, Lutherland“ erfahren wollte, nahm sich ein von der Autorin signiertes Exemplar des Buches mit nach Hause.

Text: Dietlind Ellerich